Selbstverwirklichung is a dirty word

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Wenn wir in unseren Workshops oder in Einzelcoaching-Sitzungen mit Werten arbeiten, finden die TeilnehmerInnen heraus, was sie wie warum und wann entscheiden. Werte leiten all unsere Handlungen, ob sie uns bewusst sind oder nicht. In diesen Übungen, beim vorangehenden Erstellen einer allgemeinen Liste mit Werten (was sind denn überhaupt Werte und was nicht?), taucht ein Wort immer auf: Selbstverwirklichung.

Selbstverwirklichung als Wert ist ein super Beispiel dafür, dass Werte über die Zeit an Bedeutung verlieren oder gewinnen können oder ganz neu auftauchen können. Nachhaltigkeit und Agilität sind weitere Beispiele für neuere Werte. Wenn wir kurz darüber nachdenken, was die Nachkriegsgeneration, also unsere Eltern oder Großeltern zu Selbstverwirklichung als Wert sagen oder denken würden, wird schnell klar, dass der Wert eher neu ist.

Ganz neu ist der Begriff Selbstverwirklichung  natürlich nicht. Bald gibt es ihn 100 Jahre. Bereits Karl Marx benutzte ihn schon in Bezug auf Arbeit: für ihn lag in der schöpferischen Arbeit der Keim zur Selbstverwirklichung des Menschen, also zur selbstbestimmten, individuellen Ausschöpfung aller in ihm steckenden Möglichkeiten. Letztendlich beschreibt er bereits das, womit wir uns im Coaching  viel beschäftigen!

In der Psychologie haben ihn vor allem Abraham Maslow und Carl Rogers geprägt und zu dem gemacht, was wir heute meistens damit meinen: In jedem Menschen sind die Wünsche nach Selbstentfaltung und -erfüllung seines Lebens angelegt. Die Realisierung der eigenen Ziele und Sehnsüchte aufgrund der individuell gegebenen Möglichkeiten & Begabungen – und damit Entfaltung des eigenen Potentials – führt zu größerer Reife, Selbsterfüllung, Gesundheit, Lebenssinn usw.
Viktor Frankl erweitert den Begriff um die Sinnhaftigkeit. Sinn entsteht aus der Hingabe an etwas oder jemanden: Selbsttranszendenz. Dienst an einer Sache.  Und als soziale Wesen gelingt uns Selbstverwirklichung in Gemeinschaft, also auch in der Spiegelung mit den anderen Menschen.

Interessant auch, dass Selbstverwirklichung im Englischen Self Actualization heißt! Irgendwie klingt das einfacher, flexibler, wiederholbarer, temporärer, agiler…

In den USA entstand in den 60er Jahren das Human Potential Movement, welches auch die Grundlagen der Positiven Psychotherapie legte, alle Bücher beeinflusste, die wir heute in der Abteilung Lebensratgeber finden und fast das gesamte Coaching-Handwerk bestimmt.

Die Kritik an dieser Bewegung ist, dass sich zum einen nur wenige Menschen Selbstverwirklichung „leisten“ können, dass es also ein Privileg Weniger, vor allem Selbständiger oder aber Wohlhabender sei. Zum anderen bekommt Selbstverwirklichung schnell einen Beigeschmack von Egoismus, Ellenbogen-Praktiken, Alleinsein und wird mit mangelndem Familien- bzw. Gemeinschaftssinn gleichgesetzt.

Gerade wenn wir bestimmte philosophische Ansätze (Max Stirner) oder literarisch existentialistische (Jean-Paul Sartre) betrachten, könnte der Eindruck entstehen, wir brauchen die anderen Menschen nicht. Die gute Nachricht: wir müssen uns nicht entscheiden zwischen Selbstaufgabe und -opferung und Alleinsein.

In der Heldenreise wie sie von Joseph Campbell überhaupt zum ersten Mal beschrieben wird, Selbstverwirklichung at its Finest sozusagen, kehrt der Held von seiner Abenteuerreise mit dem Schatz zurück in die Gemeinschaft, um ihn zu teilen. Das kann eine psychologische Veränderung sein, die er durchgemacht hat, eine Erkenntnis oder Wissen, welches er gewonnen hat, oder aber tatsächlich ein Schatz, Gold, ein Elixier, Reichtum im weitesten Sinne also. Was soll er auch schon alleine damit anfangen? Die Veränderung, die er durchgemacht hat wird ja genau genommen erst beim Wiedereintreten in die gewohnte Welt und damit die Gemeinschaft, sichtbar! Vom Genießen des „Reichtums“ noch gar nicht zu sprechen!

In der Heldenreise, wie sie oft in klassischen Hollywood-Filmen interpretiert wird (z.B. The Matrix, Star Wars, Pretty Woman) wird der Aspekt der Individualisierung oder des Egoismus tatsächlich oft betont: Mann (Held) bekommt Frau (Schatz) und heiratet sie. Da endet die Geschichte oft.
Oder Mann (Held) wird reich (Schatz). Zugegebenermaßen etwas eindimensional und heteronorm, aber das ist eine anderes Thema…

Seit ungefähr den 70er Jahren sind in unserem Teil der Erde unsere existentiellen Bedürfnisse, wie sie auch in der Maslowschen Pyramide beschrieben werden, erfüllt. Wir können und dürfen uns also dem zuwenden, was uns ausmacht. Wir erforschen beständig wer wir sind und was wir wollen, was wir verwirklichen möchten. Manche von uns verbringen ihre Leben, verdienen ihr Geld damit: in der Psychologie, in der Literatur, der Kunst, im Coaching oder der Lehre.

Selbstverwirklichung ist ein großer Luxus und unsere große Freiheit! Oft wissen wir aber gar nicht so genau, was unsere Bedürfnisse sind, welche Ziele wir uns stecken möchten. Geschweige denn wie wir eigentlich leben wollen. Die neu gewonnene gesellschaftliche Freiheit und die riesige Auswahl machen es nicht leichter.  Manchmal ist es einfacher, sich über Reibung zu definieren: Die Tochter meiner Freundin sagte mir vor ein paar Tagen, dass sie sich manchmal gerne MEHR mit ihren Eltern streiten würde, das wäre aber schwer, wenn die so nett sind und tolle Sachen machen…

Es ist and der Zeit, unsere eigenen Heldenreisen zu formulieren und zu leben. Was willst Du verwirklichen? Was wollen wir als Gemeinschaft verwirklichen? Wie wollen wir leben, lieben und arbeiten? Was sind unsere Wünsche & Ziele?
Was ist Dein Schatz? Wie und mit wem willst Du ihn teilen?